Mein Alltag ist wie eine Wundertüte - voller positiver Überraschungen

Interview mit Karin Bize, Pflegefachfrau DNI


Was gefällt dir besonders an deiner vielfältigen Tätigkeit?


Das Improvisieren. Es gibt ganz viele Situationen, wie zum Beispiel in Zusammenhang mit Pflegesituationen. Wir haben zwar in der Pflegeplanung das Vorgehen hinterlegt - aber in der Praxis ist es dann doch oft anders und man muss improvisieren. Das finde ich herausfordernd und macht meine Aufgabe reichhaltig. Manchmal ist unser Alltag eine Wundertüte.


Ist dir Aufgefallen, ob es Tage gibt, an denen es den Bewohnenden besonders gut geht? Gibt es da Auffälligkeiten aus deinen Erfahrungen?


Wenn es den Pflegenden gut geht, geht es den Bewohnenden auch gut. Wenn es den Pflegenden nicht gut geht, dann spüren

das die Bewohnenden und es geht ihnen dementsprechend auch nicht so gut. Bin ich traurig, übernehmen sie das – bin ich aufgeregt oder nervös, übernehmen sie das auchls Pflegende vor jedem Zimmer das Geschehene »abschütteln», sein Rucksack vor der Türe stehen lassen und nichts mit rein nehmen. So kann ich die Stimmung und Energien positiv beeinflussen. Ich selber beispielsweise «schüttle» mich wirklich vor dem Zimmer und sage mir, «nun ist alles weg».


Das ist eine sehr hohe Professionalität, die du da immer anwenden musst. Gelingt das auch, oder ist dieses "Abschütteln" bei einigen Bewohnenden oder Kolleg*Innen herausfordernder?


Mir gelingt es besser, da ich weiss, dass ich mich wirklich auf das Team verlassen kann. Wenn es mir nicht gelingen würde, einen Zugang zum Bewohnenden herzustellen, dann kann ich auf das Team zurückgreifen und jemanden anderes übernimmt für mich. Dies wird nicht gewertet im Sinne von «ah, die Tagesverantwortung schafft es nicht». Man ist einfach ein Team, einmal geht es bei dem besser, ein anderes Mal bei jemandem anderen. So fällt es einem einfacher, sein Rucksack vor der Türe zu lassen.


Wann gehst du mit einem befriedigenden Gefühl nach Hause?


Als ich vor langer Zeit mit der Lehre fertig wurde sagte ich mir, dass für mich ein guter Arbeitstag ist, wenn ich einem Bewohnenden ein Lächeln ins Gesicht zaubern konnte. Wenn es nur schon bei jemandem funktioniert hat, ist das ein guter Tag. Habe ich dies heute bereits geschafft – es ist also schon jetzt ein gelungener Tag. Ganz egal, wie viele Belastungen oder andere eher schwierige Situationen noch dazu kommen, es ist ein guter Tag.


Du sagtest eben, du hättest vor langer Zeit deine Lehre zur Pflegefachfrau DNI abgeschlossen. Wenn du nun zurückblickst, wie hat sich deine Arbeit verändert?


Bevor ich das Diplom Niveau 1 abgeschlossen habe, habe ich das KV gemacht und im Büro gearbeitet. Ich habe einen Berufswechsel vorgenommen, weil die Arbeit zu «computerlastig» war. Wie ich in der Pflege angefangen habe zu arbeiten, war noch alles in Papierform. Seit etwa 10 Jahren hat auch der Computer in der Pflege Einzug gehalten. Dies wurde aber auch notwendig, da die ganze Pflege viel komplexer wurde. Das würde in Papierform gar nicht mehr funktionieren. Nur am Computer zu arbeiten wäre nichts für mich. Ich brauche den Umgang mit den Bewohnenden. Mir gefällt die Pflege auch heute immer noch.


Du hast dich ihm also angenähert und gelernt, ihn als Hilfsmittel anzunehmen?


Ich musste mich nicht annähern, da ich den Umgang mit PC›s schon immer gemocht habe.


Wir haben immer wieder neue Leute, die auch zu uns «schnuppern» kommen wie z.B. Julian, der noch ganz jung bist. Wenn du diese begrüssen kannst, was sagst du diesen jungen Leuten? Was ist das Rüti für dich? Die Kultur?


Ich heisse sie immer herzlich willkommen und möchte ihnen spannende Eindrücke mitgeben. Ich möchte den jungen Leuten auch vermitteln, dass sie jederzeit bei mir nachfragen können, falls ihnen etwas unklar ist. Es bringt nichts, jungen Leuten zu sagen, «das und das kommt auf dich zu», denn wie Eingangs gesagt, es ist immer eine Wundertüte. Man muss es selber erfahren. Aber dass man weiss, man kann jederzeit fragen darf und es ist jemand da der einem weiterhilft, das ist etwas vom Wichtigsten. Diese Kultur der Offenheit finde ich sehr schön hier am Rüti.


Was wünschst du dir für die nahe Zukunft noch vom Rüti?

Es wäre schön, dass wenn ich für einen reinen Bürotag eingeteilt bin, ich den auch wirklich haben kann. Letzten war jemand in der Pflege ausgefallen und ich musste meinen Bürotag verschieben. Leider gibt es aber arbeiten, für welche ich den Bürotag brauche. So für Angehörigen-Gespräche, Pflegeplanungen, und um das RAI vorzubereiten und später zu kontrollieren und zu codieren.


Gibt es etwas, das dir sonst noch wichtig ist und das du hier so anfügen möchtest?


Ja, es ist mir wichtig, dass jeder einzelne und jede einzelne aus dem Team die Bewohnenden immer da abholen können wo er / sie sich eben befindet und ihn individuell betreut / fördert. Dass wir hier eine Familie sind und man aufeinander schaut.


Januar 2022